Archiv für April 2009

18.04.09 „Universität heißt forschendes Lernen“

Samstag, 18. April 2009

Volles Haus beim Start des studentischen Kollegs „Science: Who cares?“

Das erste studentische Projekt des Jubiläumsjahres der Universität Leipzig ist erfolgreich gestartet. In der voll besetzten Ratstonne der Moritzbastei eröffneten ca. 80 Gäste und Teilnehmer gemeinsam das in dieser Form einmalige Kolleg „Science: Who cares?“.
In seiner Begrüßung erläuterte Projektleiter Sven Jaros die Entwicklung und Anlage des Kollegs und dankte allen Beteiligten, vor allem aber dem Organisationsteam, für ihr herausragendes Engagement. Auf den wie-derholt geäußerten Vorwurf, die Fragestellung des Kollegs sei zu breit und unkonkret, konterte Jaros: „Natür-lich war sie das. Bis heute fehlten ja auch noch die Menschen, die dieses Projekt Wirklichkeit werden lassen sollten!“ Mit dem Start hätten die Teilnehmer nun die Möglichkeit, sich in einem freien und offenen Raum gleichberechtigt über die Frage nach dem Wert und Sinn von Wissenschaft auszutauschen. „Damit kommen wir dem, was Universität eigentlich sein sollte, sehr nah.“, stellte Jaros fest.
Prof. Dr. iur. Franz Häuser, Rektor der Universität Leipzig, dankte den Teilnehmer für ihre Ideen und ihre Teilnahme. Denn lange Zeit habe es so ausgesehen, als würde das Jubiläum der Universität nur als Veranstal-tung der Universitätsleitung gesehen. Aus den Fakultäten, den Instituten und vor allem von den Studierenden – der größten Gruppe der Universität – sei lange Zeit keine Rückmeldung gekommen. Erst mit der Initiative „Stu-dierende 2009 e.V.“ sei das Jubiläum von den Lernenden aufgegriffen und befördert worden. Dadurch werde die Vielfalt und die Kontraste in der Universität erst deutlich und der Öffentlichkeit ein adäquates Bild der Uni-versität vermittelt.
In Vertretung des Schirmherren Prof. Dr. Volker ter Meulen, Präsident der Nationalen Akademie Leopol-dina, begrüßte Prof. Dr. Gunnar Berg, Mitglied des Präsidium der Leopoldina, die Teilnehmer und wünschte für die Arbeit viel Erfolg. Die Akademie habe aus zwei Gründen großes Interesse an diesem Kolleg: Zum einen bemühe sie sich selbst, Wissenschaft in die Öffentlichkeit, in die Gesellschaft zu tragen. Zum ande-ren, so Berg, „entspricht dieses Kolleg dem, was Universität ist: Forschendes Lernen!“.
In der Einleitung zu seinem Festvortrag versprach Prof. Dr. em. Klaus Ahlheim, früherer Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Gesamthochschule Essen, den von Rektor Häuser erwähnten Kon-trasten einige hinzuzufügen. Er nahm die aktuelle Studienreform und insbesondere den Rücktritt des Mainzer Theologie-Professors Marius Reiser zum Anlass, um darüber zu resümieren, was das Leitbild und die gesell-schaftliche Verantwortung von heutiger Wissenschaft sein sollte. Der allgemein gängigen Verklärung des Humboldtschen Bildungs- und Universitätsideals erteilte er dabei eine klare Absage. Wer von 200 Jahren glücklicher Universitätsgeschichte spräche, vergesse die dunklen Jahre der NS-Zeit. Doch Ahlheim kritisierte auch die aktuelle Reform mit deutlichen Worten: „Die Bologna-Reform ist grundsätzlich und vollständig ge-scheitert: Es wurde auf Ausbildung gesetzt und Bildung abgeschafft.“ Allerdings sei der größte Fehler dafür bei seinem eigenen Berufsstand zu suchen, der zu Widerstand gegen Politik und Wirtschaft nicht in der Lage sei.
Für die Zukunft forderte Ahlheim von der Universität und ihren Angehörigen eine kritische Wissenschaft. Dafür seien zwei zentrale Grundsätze notwendig. „Zum einen braucht Ausbildung Bildung, sonst verkommt sie zu Ideologie.“ Zum zweiten sei politische Bildung notwendig, um zu Politik selbstbewusst Distanz wahren zu kön-nen. Als Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Wissenschaft selbst zitierte der emeritierte Professor aus Bertholt Brechts Galilei: „Ich halte dafür, dass das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseh-lichkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern.“ Für Ahlheim ist dies in der aktuellen Situation eine Leitlinie: „Das könnte die Überschrift für die Universität der Zukunft sein.“
Umrahmt wurde die Veranstaltung von der Dresdner Band „Stilbruch“ (www.stilbruch.tv), die mit ihrem dynamischen Auftritt musikalisch dem entsprach, was das Kolleg in den kommenden Monaten geistig leisten will.

15.04.09: Studentisches Kolleg “Science: Who cares?” nimmt feierlich seine Arbeit auf*

Samstag, 18. April 2009

Die Universität Leipzig wird 600 Jahre alt. “Jetzt wird es mal Zeit, nach dem Sinn dieser Institution und der darin betriebenen Wissenschaft zu fragen.”, dachten sich elf Studierende aus verschiedenen Fächern und machten sich an die Arbeit. Unter dem Dach von “Studierende 2009 e.V.” erarbeiteten sie das Konzept für das studentische Kolleg “Science: Who cares?” Nach neun langen Monaten der Vorbereitung fällt am Freitag nun endlich der Startschuss.
Wir laden Sie herzlich ein, an dieser Veranstaltung teilzunehmen:

*Datum: 17. April 2009
Uhrzeit: 20 Uhr
Ort: Moritzbastei, Ratstonne

*Der Rektor der Universität Leipzig, Prof. Dr. iur. Franz Häuser, wird die Veranstaltung mit einigen einleitenden Worten zum diesjährigen Universitätsjubiläum eröffnen. In Vertretung des Schirmherren wird Prof. Dr. Gunnar Berg aus dem Präsidium der Leopoldina ein Grußwort sprechen. Gastreferent Prof. Dr. em. Klaus Ahlheim, früherer Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Gesamthochschule Essen, wird zum Thema der Wechselbeziehungen Dankbarkeit und Respekt von Studierenden und ihrer Institution sprechen. Für eine angenehme, abwechslungsreiche Atmosphäre sorgt die Band “Stilbruch”.

*Das Projekt*
Um die Frage nach dem Sinn von Wissenschaft möglichst vielfältig und kritisch beantworten zu können, wer-den bei “Science: Who cares?” drei Arbeitsgruppen die Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Gesell-schaft untersuchen:

*AG 1: Die Vermittlung von Wissen in der Schule zwischen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Ansprüchen

Schulen werden immer mehr zum Brennpunkt gesellschaftsumspannender Konflikte einerseits und politischer Reform-rhetorik andererseits. Hier sollen nun die Praktiker an den regionalen Schulen zu Wort kommen: Anhand qualitativen Studie können Schüler und Lehrer ihre Erfahrungen, Meinungen und Erwartungen mitteilen. Eine solche Studie ist drängend, denn die Praxis zeigt, dass die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master im Zuge der Bologna-Reform keine Antwort auf die Anforderungen gibt, die an die Neuorientierung der Lehramts-Ausbildung gestellt werden.

*AG 2: Der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit in der Ausdrucksform einer Ausstellung* Der Besuch einer Ausstellung kann (und sollte) wissenschaftliche Inhalte vermitteln und Interesse am Gegenstand wecken, sowie  – und dieses Ziel wird allgemein unterbewertet — Unterhaltung bieten. Die teilnehmenden Studierenden werden über das Jahr hinweg drei Museen (mathematisch-naturwissenschaftliches “Science-Center Inspirata”,
Leipzig; Zeitgeschichtliches Forum, Leipzig; Hygiene Museum, Dresden) besuchen, um dort die Vermittlungsstrategien wissenschaftlicher Inhalte zu untersuchen.

*AG 3: Die Gesellschaftliche Stellung und Wahrnehmung von Wissenschaft in den Medien*

Anhand ausgewählter Kontroversen aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen soll der gesellschaftliche Diskurs zwischen Wissenschaft und ihren Kritikern diskutiert werden. Aktuelle Diskussionen in den Medien, wie etwa um die Ein-richtung der Nationalen Akademie der Naturforscher, die Finanzkrise oder populäre Wissenschaftssendungen, werden analysiert und in ihren kulturellen, politischen und historischen Kontext eingeordnet.

Unter den Studierenden der Universität Leipzig wurde das Projekt begeistert aufgenommen. Trotz großem Prüfungsstress und Studienalltag haben sich 30 Studierende aus über 20 Fachrichtungen angemeldet. “Wir merken, dass vielen Studierenden unsere Fragen im Kopf herumschwirren. Alle, die über den Sinn ihres Studi-ums grübeln und zweifeln, bekommen bei uns eine produktive Plattform.”, so Sven Jaros, Projektleiter von “Science: Who cares?”

Zahlreiche Fachwissenschaftler haben sich dem Projekt angeschlossen, um die Möglichkeit der kritischen Re-flexion über Wissenschaft und die Zusammenarbeit mit engagierten Studierenden zu nutzen. Auch die Univer-sitätsleitung hat das Potential erkannt und übernimmt ebenso wie die Sparkasse Leipzig die finanzielle Absicherung des Kollegs. Die Erlebnisse und Ergebnisse der Arbeitsgruppen werden Ende November bei einer Abschlusstagung präsentiert und im Anschluss in einer Sammelpublikation erscheinen.
Selbst außerhalb der Universität trifft das Projekt auf große Resonanz: Die Schirmherrschaft hat Prof. Volker ter Meulen, Präsident der Nationalen Akademie der Naturforscher Leopoldina, übernommen. Die Fragen der drei Arbeitsgruppen sprächen Themen an, “die die gesamte Gesellschaft interessieren, verfolgen und bewegen.”, so ter Meulen. Auch die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dr. Eva-Maria Stange, begrüßte das Engagement der Studierenden und unterstützt es ideell.

*Der Verein “Studierende 2009 e.V.”*
Die Eröffnung des Kollegs ist auch der Startschuss für die 15 Projekte des Vereins “Studierende 2009 e.V.”, Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Projekte zum Unijubiläum anzuregen, zu veranstalten und zu unterstützen. Die deutschlandweit einmalige Initiative zum Universitätsjubiläum will die kritische Auseinander-setzung mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Universität Leipzig im Rahmen der Feierlichkeiten und Feste ermöglichen.

Für Rückfragen und weitere Informationen steht Ihnen der Projektleiter Sven Jaros (01577/1901865, sjaros@uni-leipzig.de) gern zur Verfügung.